9. November: Der vergiftete Gedenktag – Zeitungsverlag Waiblingen

 

1918, 1923, 1938 und 1989. Zum Teil hängen die ereignisreichen Novembertage jener Jahre symbolisch zusammen, zum Teil ist das kalendarische Zusammentreffen purer Zufall. Das gilt insbesondere für das Datum des Mauerfalls und einen fünften 9. November, den Wolfram Pyta eingangs erwähnt – den des Jahres 1848. Robert Blum, führender Demokrat und Politiker der Paulskirche, war im Oktober nach Wien gereist, um die Aufständischen zu unterstützen – und wurde von den kaiserlichen Truppen verhaftet und am 9. November hingerichtet. Schon hier ist das Datum ein „Verdichtungspunkt“ (Pyta) in einer revolutionären Situation. Aus dieser Perspektive beleuchtet der Stuttgarter Professor, eingeladen zur „Schlaglichter“-Reihe des Waiblinger Hauses der Stadtgeschichte, weitere Situationen und nährt sich dem Phänomen der Novembertage.

Parlamentarismus genau genommen nicht am 9. November eingeführt

Merkwürdig unterbelichtet im kollektiven Gedächtnis der Deutschen ist die laut Pyta „bedeutende Zäsur“ der Revolution von 1918. Allerdings sei nicht am 9. November der Parlamentarismus eingeführt worden, sondern vorher durch die Oktoberreformen des Reichskanzlers Max von Baden. Eine idealtypische Revolution brachte der 9. November dennoch im Sinne einer spontanen, eruptiven Erhebung, wobei die revolutionären Subjekte nicht, wie von Karl Marx beschworen, Arbeiter und Bauern waren, sondern meuternde Matrosen und Soldaten. Ihr Ziel: das Ende des Krieges. Gegen die Weimarer Republik, gegen den Staat der „Novemberverbrecher“ richtete sich der Hitlerputsch 1923, bei dem der spätere Diktator nach Mussolinis Vorbild zum Aufstand und Marsch auf Berlin aufrief, der freilich nur einer auf die Feldherrnhalle wurde. Die herrschende Regierung war stark zur Gegenwehr, die Polizei schoss und tötete 16 Putschisten. Pyta: „Hitler war bedauerlicherweise nicht darunter.“

Die SA war eine „nutzlos gewordene Schlägertruppe“

Auf Berlin 1918 und München 1923 nahm die Reichspogromnacht nicht nur symbolisch Bezug, so der Hindenburg-Biograf: „Alte Kämpfer“ von 1923 waren nach einer Gedenkveranstaltung versammelt, als Hitler vom Attentat auf den Gesandten von Rath erfuhr. Joseph Goebbels wies er an, die „nutzlos gewordene Schlägertruppe“ (Pyta) der SA zum Losschlagen anzuheizen, deren Führer organisierten den Rest – die jüdische Bevölkerung war vogelfrei. Der Historiker wertet die Pogrome als vorbereitet und organisiert, den Zeitpunkt aber als spontan. Als revolutionäre Erhebung möchte er den Terror gegen die Juden nicht werten – „Die Mehrheit der Deutschen machte nicht mit, sondern schaute beschämt zu“. Revolutionär sei die totale Umkrempelung der Gesellschaft, welche Völkermord und Antisemitismus zur Staatsdoktrin machte.

Der 9. November hätte das Zeug zum Nationalfeiertag gehabt

Spätestens seit 1938 war der 9. November in der deutschen Geschichte kontaminiert. Dabei hätte er wegen des Mauerfalls 1989 durchaus das Zeug zum Nationalfeiertag gehabt. Von Leipzig aus hebelte eine massenhafte Bewegung die Machthaber von ihren Sitzen. Gegen Hunderttausende, die Mut zum Protest fassten, musste die Stasi-Bespitzelung wirkungslos bleiben. Die junge, dynamische Generation floh in Scharen, und das morsche, alte System konnte sich nicht mehr wehren. Günter Schabowskis Versehen („Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich“) tat das Übrige. Für die nach Freiheit und Demokratie dürstende Bevölkerung gab es kein Halten mehr.

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